Sozialer Brennpunkt, toter Säugling, lebendiger Stadtteil
21. März 2007 um 12:50 vormittags | Veröffentlicht in Hamburg, Praktikum | 1 KommentarEin Schwerpunkt meines sechsmonatigen Praktikums beim Jugendmigrationsdienst Hamburg West von EvaMigrA liegt in der Erstellung eines Sozialraumatlases für die Hochhaussiedlung Osdorfer Born und Umgebung. Um verbesserte Netzwerkarbeit im Stadtteil zu ermöglichen stelle ich in dem Atlas alle Angebote und Einrichtungen zusammen, die für junge Menschen mit Migrationshintergrund interessant sein könnten.
Eindrücke und Beschreibungen des Osdorfer Borns in Hamburg sind zum Teil widersprüchlich. Die in den 1960er-Jahren entstandene Großsiedlung wird regelmäßig mit dem Begriff “sozialer Brennpunkt” beschrieben. In den vergangenen Tagen ging der Hamburger Stadtteil durch sämtliche Medien, weil ein Säugling – verpackt in einer Plastiktüte – vor einem 20-stöckigem Hochhaus tot aufgefunden wurde. Nach Behauptung der 26-jährigen Mutter, die sich erst heute der Polizei stellte, hat der Vater des Kindes den Säugling aus einem Fenster des 10. Stockwerks geworfen.
Im Rahmen meiner Arbeit und Erkundungen hat sich das eben skizzierte Bild des Osdorfer Borns nicht bestätigt. Zumindest auf Ebene der Einrichtungen und Stadtteilrunden konnte ich großes Engagement, auch von Seiten ehrenamtlicher Osdorfer, erleben. Insgesamt werden die sozialen Angebote gut angenommen. Aktive Anwohner sind daran interessiert, dass in der multikulturellen Wohngegend ein durch Offenheit geprägtes Miteinander stattfindet. So bleiben ambivalente Erfahrungen zwischen der Wahrnehmung des öffentlichen Raums einerseits und Schicksalen bzw. Lebensgeschichten auf der individuellen Ebene andererseits.
Mit einer herausfordernde Frage möchte ich diesen Beitrag schließen: Wie müssen die Angebote der Einrichtungen und das Engagement vieler Bürger gestaltet werden, dass alle Bewohner der oft anonymen Hochhäuser erreicht werden können und ihnen eine Identifikation mit dem Stadtteil möglich ist?
Nachtrag 1 – Foto:
Am Montag kam ich zu dem Ort, an dem das Kind aufgefunden wurde, weil ich einen Termin in den Hochhäusern hatte. Das Foto zeigt Stofftiere, Kerzen, Blumen und Briefe, die vor allem Kinder als Ausdruck ihrer Trauer niedergelegt haben. Das Holzkreuz trägt die Aufschrift “kleiner Engel”.
Nachtrag 2 – Doppelte Traumatisierung durch Medienberichterstattung:
Die Berichterstattung über den Vorfall in diversen Medien war oftmals sehr einseitig und ging mit einer Stigmatisierung des Quartiers Osdorfer Born einher. Die Initiative von Bewohnern und Einrichtungen, die sich für den Stadtteil engagieren, wurde nahezu ausgeblendet. Der tragische Vorfall allein ist vor allem für die Kinder, die im Osdorfer Born wohnen, schwer zu verarbeiten. Zudem müssen die Anwohner – auch die Kinder – beobachten, wie in manchen großen Zeitungen und Fernsehbeiträgen ihr zu Hause als ein Ort des Schreckens dargestellt wird. Diese Art der Berichterstattung kann auf viele Kinder die ohnehin schon vorhandene Traumatisierung und Unsicherheit verstärken. Durch das einseitige Bild in der Öffentlichkeit können Jugendliche und junge Erwachsene zudem Schwierigkeiten bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle erhalten. So erschwert eine Anschrift im Osdorfer Born ein selbstbewusstes Auftreten.
Die Stadtteilkonferenz des Osdorfer Borns plant eine schriftliche Beschwerde gegen die Art der Medienberichterstattung, in der sie sich auf oben beschriebene Auswirkungen bezieht.
Nachtrag 3 – Das Urteil:
Mittlerweile hat die Mutter des Säuglings gestanden, die Tat selber begangen zu haben. Es sei eine spontane Verzweiflungstat gewesen, weil sich die Mutter – besonders von dem Vater des Kindes – alleingelassen gefühlt habe. Nach dem Richterspruch war die Angeklagte vermindert schuldfähig. Dennoch wurde die 27-Jährige zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt.
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Kommentar von ghetto— 22. Februar 2009 #